„Alte Schäferei-Pankow“ | Bezirk treibt Quartiersplanung voran

„Schäferei“-Kiez mit 2000 Wohnungen: Plan hat wunden Punkt

Thomas Schubert | Berliner Morgenpost 25.04.2024

Üppige Grünflächen und Wohnhäuser in Höhen von vier bis zu acht Geschossen: Das Quartier „Alte Schäferei“ in Pankow ist überraschend detailscharf geplant. Doch eine entscheidende Voraussetzung fehlt.

Berlin. Ökologisch mustergültig, riesengroß und grün: Pankows neuester Plan für ein Zukunfts-Stadtquartier kann eine Schwäche nicht kaschieren.

Schon von der Autobahn aus soll man ihn erblicken: einen 40 Meter aufragenden Hochhaus-Turm, der vom Selbstbewusstsein der Investoren in einem Vorzeige-Stadtviertel mit 2000 Wohnungen kündet. Nein, die „Alte Schäferei“, ein riesiges neues Stadtgebiet zwischen A114 und Schönerlinder Straße, ist nicht einfach ein weiteres Zukunftsquartier, das Planer auf Pankows Agrarflächen der DDR aus dem Boden stampfen. Hier, am Ostrand von Französisch Buchholz, will man stolz sein auf ein klimaneutrales Wohnprojekt. Auf ein Stück neues Berlin, das viele Zerreißproben vermeidet, wie sie andere Vorhaben auf Ackerflächen und Brachen zuhauf erleben

Das Projekt „Alte Schäferei“ rollt, gemessen am Dauerärger um das ähnlich große Vorhaben Pankower Tor, fast geräuschlos heran. Es wird sogar noch vor den 2000 Wohnungen von Kurt Krieger am Güterbahnhof Pankow zum Baustart kommen, das – auch wegen des Streits um die Rettung von Kreuzkröten – im 14. Jahr seiner Planung steckt.

Ganz anders das „Schäferei“-Projekt: Erst Anfang der 2020er untersucht, naht es, von der Berliner Stadtöffentlichkeit fast unbemerkt, der Planungsreife. Und einem Baubeginn schon in vier Jahren. Als „Blickfänger“ ist der 40-Meter Turm, den man von der Autobahn sehen soll, in die Skizzen gezeichnet. Bis zu acht Stockwerke wären auf der grünen Wiese also möglich – so zeigt es sich in den überraschend detailscharfe Plänen für einen Bebauungsplan, der ab Mai in Bearbeitung gehen soll.

Pankows Baustadtrat lobt ein Quartier, das auch Habeck gefallen dürfte

Hinter dieser Landmarke plant ein Konsortium aus dem Immobilienunternehmen Treucon und der Gewobag ein CO₂-neutrales, autoarmes Wohnviertel, das mit Geothermie so viel Energie gewinnt, dass es sogar noch Wärme in die Netze der Nachbarschaft speisen kann.

Was Pankows Baustadtrat Cornelius Bechtler (Grüne) nun im Ausschuss für Stadtentwicklung jetzt präsentierte, dürfte Wirtschaftsminister Robert Habeck zufrieden nicken lassen. Und auch Bechtler selbst kann kaum verheimlichen, dass es sich um eines seiner Lieblingsprojekte handelt. „Sehr beeindruckend“ nennt er vor allem den Elan der Bauherren, in Richtung Baustart zu streben. Auch die „hohe Planungstiefe“ zu diesem Zeitpunkt sei beachtlich.

Großprojekt „Alte Schäferei“: Eidechsen-Rettung schon jetzt geklärt

In der Tat erkennt man schon jetzt: Ökologisch gesehen wird das Schäferei-Viertel, das auf einem 69 Hektar großen Gelände ab 2028 in Bau gehen soll, ein mustergültiges Vorhaben. Vielleicht das vorbildlichste Großprojekt des Berliner Nordens. Sickermulden für Regen entsprechen dem Schwammstadt-Prinzip, nahezu alle heutigen Bäume sollen laut Plänen des Architekten Christoph Kohl erhalten bleiben. Und auch das Vorkommen der Zauneidechse haben Experten so früh erkannt, dass eine Umsiedlung den Zeitplan nicht durchkreuzen wird. Kein Vergleich zum Kröten-Streit auf dem Krieger-Gelände.

Wärmeautarkie, Kinder- und Seniorenfreundliche Außenanlagen, Klimaneutralität, Kaltluftschneisen gegen Hitzestau, vier Quartiersgaragen, von wo Autofahrer aufs Fahrrad umsteigen: Architekt Christoph Kohl packt beim Aufzählen von Meilensteinen seines Schäferei-Viertels die Begeisterung.

2000 Wohnungen mit Erdwärme beheizt – Ideallösung für neuen Kiez in Pankow

Doch trotz der grünen Vorbild-Aura: Baupolitiker haben die Schwäche des „Schäferei“-Viertels sofort erkannt. Anders als bei Artenschutz und Energieversorgung hinkt die Verkehrsplanung den politischen Wunschvorstellungen weit hinterher. So weit, dass Verordnete von Linken und CDU androhen, das Projekt zu stoppen. Denn der Plan für den Zukunftskiez sieht bislang vor, zunächst nur eine Verkehrserschließung mit einer neuen Buslinie der BVG zu stemmen. Und dann, erst im Verlauf der 2030er Jahre einen neuen Streckenast der Tram-Linie 50 folgen zu lassen.

„Aber das muss die Grundvoraussetzung sein. Ohne Tram fangen wir da gar nicht erst an – hoffentlich haben Sie das dem Senat übermittelt“, wettert der Linken-Verkehrsexperte Wolfram Kempe in Richtung Bechtler. Noch viel ungewisser seien die vom Bezirk fest eingeplanten zwei neuen S-Bahnhöfe an der Linie der heutigen S8 mit Stationen an der Schönerlinder und der Bucher Straße. In den echten Zukunftsplanungen des Bahnprogramms i2030 sei diese Idee gar nicht existent. „Das muss man dringend ändern“, fordert Kempe.

Tram und S-Bahnanschluss reine Theorie – Pankows Baupolitiker sind wütend

Auch CDU-Mann Daniel Hauer warnt davor, dass im Fall der „Alten Schäferei“ Wohnungsbauplanungen gelingen, aber die Verkehrsplanungen scheitern. „Die heutige Tram-Linie 50 fährt schon heute am Limit. Aber es werden ja noch viel mehr Bewohner zuziehen, die dann mit Bussen fahren sollen. Aber eigentlich kann man Menschen erst einziehen lassen, wenn die S-Bahn-Anbindung steht“, betont der Christdemokrat.

Selbst die Grünen wollen sich mit provisorischen Bus-Lösungen für das Öko-Vorbildquartier nicht abfinden. „Zumindest die Tram muss dort fahren, wenn dort Leute hinziehen“, fordert Fraktionschefin Almut Tharan. Besser noch brauche es einen fertigen Ringschluss der Straßenbahnlinien 50 und M1, um auch das zweite große Neubauquartier auf der anderen Seite von Buchholz ans Schienennetz zu nehmen. Dort, wo der Senat 5000 Wohnungen auf der Elisabeth-Aue plant.

Großer Plan für Wohnungsbau braucht große Verkehrslösung

Wie brisant die ungelösten Verkehrsfragen wirklich sind, das zeigt sich mit Blick auf weitere Planungsszenarien für die „Alte Schäferei“. Die jetzt angestoßenen 2000 Wohnungen sind nur eine erste Etappe. In den Schubfächern des Bezirksamts liegen sogar Pläne für ein maximales Bauvolumen von knapp 4000 Haushalten.

Schon deshalb will Stadtrat Bechtler beim Senat auf eine große Verkehrslösung pochen, die bisher nur als Wunschvorstellung existiert: „Bei jeder Gelegenheit sagen wir: Wohnungsbau in Pankow wird nur akzeptiert werden, wenn es eine leistungsfähige ÖPNV-Anbindung gibt“, verspricht Bechtler. Mit 40 Meter hohen Häusern hat das Bezirksamt bisher noch keine der vielen baukritischen Bürgerinitiativen befriedet.